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Bänkel und Moritatensänger

Es gibt heute zwei unterschiedliche Begriffe für den gleichen Vorgang. Der Vorfahre des Bänkelsängers war eigentlich im 17. Jahrhundert ein Mensch, der Nachrichten auf öffentlichen Plätzen übermittelte. Später, so etwa vor ca. 150 Jahren, konnte man auf den Jahrmärkten Menschen beobachten, die mit ihrem Vortrag das Publikum unterhielten. Dabei stieg der Vortragende, der Moritator, auf ein „Bänkel“ und sang zum Klang einer Drehorgel schaurigschöne Geschichten, die meist hochmoralisch endeten. Mit dem Verkauf der Texte dieser Moritaten hatten die Interpreten eine kleine Einnahme. An der Wand oder auf einem Gestell hingen dann bunte Bildtafeln mit gräuelvollen Bildern, auf denen in der Regel Mordtaten illustriert wurden. Mit einem langen Zeigestock zeigte der singende Moritator von Bild zu Bild auf die entsprechende Abbildung, und so nahm die harte Gerechtigkeit ihren Lauf. Viele dieser alten Bildtafeln kann man heute in Museen bewundern; aber auch neue Tafeln werden wieder hergestellt, und man kann sie bei Drehorgelbauern erwerben. Manch ein Orgelspieler lässt sich auch eine Geschichte von einem Künstler gestalten.

 

Der Filmregisseur R. A. Stemmle schrieb: „Die Bilder der Bänkelsänger werden bald zu „Findelkindern“ und sind doch für billiges Geld zu erwerben. Die Texte sind zarte Romanzen, hochtragende Moritaten, ergreifende Bänkelgesänge und empfindsame Drehorgellieder. Es sind volkstümliche Dichtungen des Barocks, des Klassizismus, der Frühromantik, des Biedermeiers und entstanden aus frechen Gassenhauern der Zeit um 1900. Alle spiegeln ihre Zeit wider, in der sie entstanden“.

 

Die alte Tradition des Moritatenvortrages lebt z. Zt. wieder auf; einige Freunde der Drehorgelmusik haben sich auf diese Darstellung spezialisiert.

 

Der Moritatensänger Reinhardt Weiher aus Heidenheim erfreut seit sehr vielen Jahren auf den Drehorgelfesten und auch zu anderen Gelegenheiten sein Publikum. Bei seinem Vortrag wird er von dem Publikum regelrecht umringt. Übertroffen wird R. Weiher nur noch von den Ehepaaren Schnell und Weber, deren Auftritt auf den Straßen stets zu einem Anziehungspunkt wird. Während der kleinen Show verschwinden einzelne Darsteller gelegentlich kurz hinter ihren aufgestellten Moritattafeln, wechseln blitzschnell Jacke und Hut und kommen zur Überraschung des Publikums mit Utensilien, wie z. B. einem Säbel oder Dolch, wieder hervor. Mit einem riesigen Beifall endet dann eine solche Vorstellung. Diese Interpreten werden von den Veranstaltern gern auf Drehorgelfeste eingeladen.